Ein interaktiver Parcours von Club Real für die Plaza Mayor in Madrid

"Ist denn das Weltall nicht in uns?" (Novalis)

Die Deutschen empfinden sich selbst als ernst, nachdenklich, schwermütig und grüblerisch. Diese, seit der Romantik als Deutsche Tiefe charakteristisch gewordene, Eigenschaft wird von dem Ethnologen Jens Schneider in seiner 2001 veröffentlichten Studie "Deutsch sein" beschrieben. Die Deutsche Tiefe ist der irrationale Gegenpol zu den sonstigen Nationaltugenden wie etwa Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Ordnungsliebe.

Für die Plaza Mayor im Zentrum Madrids hat Club Real ein interaktives Format entwickelt. In einem Erlebnis-Parcours bekommen teilnehmende Bewohner und Gäste der spanischen Hauptstadt die Möglichkeit, das deutsche Nationalgefühl der Tiefe zu empfinden und für sich zu nutzen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den ästhetischen und philosophischen Ausformungen dieses Gefühls, wie sie seit der Deutschen Romantik und der philosophischen Strömung des Deutschen Idealismus – vertreten durch Fichte, Schelling und Hegel – immer wieder zum Ausdruck kommen.

Der Parcours hat zwei Stationen. Der erste, öffentliche, Teil findet direkt auf der Plaza Mayor statt. Für den zweiten Teil betritt der Besucher den "Palast der Ideen", ein Gebäude in der Form eines Bergwerkseingangs. Jeder Teilnehmer absolviert die beiden Stationen allein und führt zwei Gespräche mit den Akteuren von Club Real.

Teil 1: Begegnung mit einer ironischen Fichte

Der idealistische Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), verkörpert von einem entwurzelten Nadelbaum, konfrontiert Passanten als potentielle Teilnehmer des Parcours mit ihrem "Ich" und ergründet die Tiefe Ihres Selbstbewusstseins. Fichte, die philosophische Konifere, erläutert den Teilnehmern die Deutsche Tiefe und erklärt die Geburt von Ideen aus dem Ungestalten und Unergründlichen. Die Besucher werden inmitten der Menschenmenge der Plaza Mayor mit der Technik des "sich in die Unendlichkeit der Landschaft Versenkens" vertraut gemacht. Dabei lernen sie den aus der romantischen Ästhetik bekannten "Blick nach Innen" nach Caspar David Friedrich und erfahren was zweckfreies Grübeln bedeutet. Nach dieser Vorbereitung werden sie in den gebauten Teil der Installation geleitet.

Teil 2: Im Bergwerk des romantischen Idealismus

Im Inneren des "Palasts der Ideen", einem betretbaren Bergwerksstollen, begegnen die Teilnehmer auf ihrem Weg in die Deutsche Tiefe der berühmten Berliner Schriftstellerin Rahel Varnhagen von Ense (1771-1833). Die für Ihren Intellektuellen-Salon bekannte Aufklärerin und Streiterin für die Emanzipation der Frauen präsentiert ihre Philosophie vom Menschen als Kunstwerk und der Geburt der Ideen aus dem Unbewussten. Währenddessen erlernt der Besucher von Rahel die philosophische Kunst des Steckenpferdreitens. Zur Lösung der in der Deutschen Tiefe feststeckenden Ideen begeben sich Rahel und Ihre Gäste auf eine mentale Reise. Der zum Grübler in der Tiefe des Geistes und der Seele animierte Teilnehmer wird mit seinen ideellen Fundstücken wieder ans Tageslicht zurückgeführt. Die Verwirklichung der aus der Tiefe beförderten Ideen wird zum Abschluss als Auftrag und praktische Aufgabe der Philosophie vermittelt.

6.-8. Mai 2011
In Kooperation mit dem Goethe Institut Madrid
Im Rahmen von "Alemania - una historia de movilidad e innovación", Plaza Mayor, Madrid
Konzept und künstlerische Leitung: Club Real
Johann Gottlieb Fichte: Marianne Ramsay-Sonneck
Rahel Varnhagen von Ense: Georg Reinhardt
Installation: Club Real, Melanie Humann

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